wie eine wichtige tageszeitung eine noch wichtigere influencerin kritisierte – und was dann passierte

Gegen mich spricht einiges: Ich gestehe, meinen Post mit dem Wörtchen „Ich“ begonnen zu haben, was schon mal verdächtig ist.

Gegen mich spricht auch, dass ich die Angewohnheit habe, mich selbst zu fotografieren. Da kann schon mal etwas nicht stimmen. Welcher normale Mensch tut sowas?

Die Jüngeren halten ständig das Handy vor die Nase. Doch wer mit Ü40 noch im Internet herumhopst und sich als Social Media Influencer bezeichnet, der ist komplett suspekt.

Das ist der erste Post, bei dem ich mich frage, ob ich weitertippen sollte. Sollte dieser Post nicht besser ungeschrieben bleiben? Doch der Anlass ist einfach zu verlockend.

Social Media und der Narzissmus – das ist ein Thema mit Dampf im Kessel. Wenn dann auch noch das Gefecht zwischen „traditionellen“ und „neuen“ Medien ausgefochten wird, dann ist Diskussion vorprogrammiert.

Journalisten und Blogger oder Journalisten und Influencer, das passt so gut zusammen wie Feuer und Wasser.

Was war passiert?

Die Gesellschaftsreporterin von Faz.net, Johanna Dürrholz, hat – sagen wir es ruhig ohne Umschweife – mächtig ausgeteilt gegen Chiara Ferragni. Aka Gründerin des Modeblogs „The Blonde Salad“ und ihres Zeichens eine der ersten richtig doll erfolgreichen Modebloggerinnen.

Die Italienerin lebt nun in Los Angeles und ist im besten Sinne des Wortes eine „Self-Made-Frau“. Und ihr wisst ja, solche Karrieren finde ich großartig. Da bin ich bürgerliche Mittelschicht, weil ich noch mit der Idee aufgewachsen bin, dass jeder es aus eigener Kraft zu etwas bringen kann.

 

Die Frau hat meiner Meinung nach also alles richtiggemacht und verdient Geld in der Mode.
 Soweit so gut. Möchte man meinen.

Wenn da nicht ihr Geschäftsmodell, Selbstvermarktung, wäre, dass aus aktuellem Anlass der Redakteurin sauer aufgestoßen ist. Die hat, um mal im unappetitlichen Bild zu bleiben, ein Bäuerchen gemacht und eifrig in die Tastatur gehackt. Denn nun hat die erfolgreiche Modebloggerin ein Kind bekommen und damit nahm das mediale Unheil quasi seinen Lauf.

Faz.net veröffentlichte einen polemischen Artikel, in dem gegen Chiara F. angestunken wird und die deutsche Influencer-Szene in Person des Zukkermädchens traf sprichwörtlich der Schlag.

Sie holte zum gebloggten, mit Fäkalienwörtern gespickten Gegenschlag gegen die ja bekanntermaßen frauenfeindliche, rückständige, abgehalfterte Zeitung aus, holte kaum Luft, um dann zum Bodycheck gegen die Redakteurin anzutreten: Wer so abwertend, gehässig und mit negativer Emotionen über eine erfolgreiche Frau schreibe, der kann ja nur selbst….setzt ein beliebiges Wort ein.

Dummerweise liebe Franzi; Zukkermädchen, verfängt dein Vorwurf des Sexismus gegenüber der F.A.Z. nicht: Ein Mann kann sich nicht bei der Geburt filmen lassen kann, schleppt keinen Babybauch neun Monate herum. Etc pp. Aber das nur am Rande….

 

Tataaa, das schönste Drama war da.

Ja und wen interessiert das?

Offenbar lohnt es sich als Zeitung natürlich in der Gesellschaftssparte über DIE berühmteste Modebloggerin und Influencerin zu schreiben. Das ist die Idee der Gesellschaftsseiten.

Also hat die Journalistin ordentlich aufs Pferd gedroschen: Polemische Artikelüberschrift, polemischer Inhalt: Narzisstische Selbstdarstellerin bekommt Baby nur aus Kalkül. 

 

 

Das ist starker Tobak, bisschen boulevardesque. Angesichts der exhibitionistischen Selbstdarstellung: Geburt, Heiratsantrag, Baby – alles live und in Farbe für die Öffentlichkeit ausgebreitet, nicht abwegig.

Baby, Leo, finden wir im zarten Alter von wenigen Tagen mit einem Insta-Filter abgelichtet im Netz. (Ist das ein lebendes Wesen oder eine Puppe, fragte ich mich da.) Baby Leo ist gerade mal wenige Tage auf der Welt und schon haben ihn seine Eltern doppelt so viele Male fotografiert und auf Instagram gepostet. Dafür hat das Zukkermädchen aber kein Wort übrig.

Andere bekannte Modebloggerinnen wie Sofie Valkiers aus Belgien oder Jessie von Journelles sind inzwischen auch Mutter geworden.

Die eine zeigt ihr Kind immer mal wieder in Alltagssituationen fotografiert auf ihrem Account, die andere verdeckt immer sein Gesichtchen.

Auf der Skala „Extrovertiertheit und Exhibitionismus“ durchbricht also Chiara Ferragni ohne Zweifel auch hier die Schallmauer nach oben.

Das ist meine persönliche Meinung, aber ich fühle mich ja auch schon belästigt, wenn andere Leute mit lauter Stimme in der U-Bahn telefonieren. Weil das distanzlos ist und nichts in der Öffentlichkeit zu suchen hat.

 

Wieviel Privatheit gehört in die Öffentlichkeit

Wenn Selbstdarstellung zum Geschäftsmodell gehört, dann ist die Grenze zwischen privat und öffentlich fließend.

Chiara lebt das Private öffentlich. Was gibt es Privateres, ja Intimeres als eine Geburt? Das darf sie gern für sich behalten, wenn es nach mir geht. Daher folge ich ihr auch nicht auf Instagram.

Aber Millionen andere tun es. Also hat ihr Tun Relevanz, vor allem, wenn jemand von einem Magazin wie Forbes 2017 zur einflussreichsten Modebloggerin der Welt gewählt wurde.

Böse Influencer? Böse Presse?

Influencer werden sehr schnell als Narzissten abgetan. Was war der Vorwurf, den mein Mann und ich uns anhören mussten, als sein Artikel als Instagram-Husband im Faz-Magazin erschien? Genau.

Das jemand nach dem Totschlagargument, Narzissmus greift wegen eines einzigen Artikels (!), fand ich persönlich Schade. Aber ich habe mir schon mal überlegt, ob mich bloggen narzisstisch macht.

Baby Leo ist noch keine Woche alt und schon eine Stil-Ikone, schrieb das People-Magazine und mit dem Smoking für den Filius schaffte es Chiara auch in den Promi-Flash. Blogger-Herz, was willst du mehr?

 

Fazit

Wer Selbstdarstellung zum Geschäft macht, der muss als Unternehmer auch damit leben, dass er/sie dafür kritisiert wird. Das scheinen Bloggerinnen wie das Zukkermädchen oder Nina Schwichtenberg (The Fashiion Carpet) offenbar nicht verstanden zu haben. Letztere kommentierte auf Facebook, der Artikel sei Hater-Journalismus. Hä????

Keine der beiden kennt offenbar die Funktion einer Zeitung. Eine kritische Haltung ist das A und O der Presse. Ich musste fast lachen als ich von „abwertend“ las.

Ist eine Zeitung das PR-Organ von Frau Ferragni? Das Leben ein Ponyhof? Eine Bloggerin kann sich offenbar nur vorstellen, dass Frau Dürrholz da ihre persönliche Vendetta gegen Frau Ferragni fährt. Denn sonst würde sie ja
so nicht schreiben….Seufz.

Was mit keinem Wort erwähnt wird, ist das Recht des kleinen Leo. Hat der nicht einen Anspruch darauf, nicht fotografiert zu werden? Da argumentieren einige, im Ausland würde das viel lockerer gesehen.

So als sei der Schutz der Persönlichkeitsphäre oder die Achtung von Grenzen ein Lifestyle, der abgeschafft gehört, weil er so „uncool“ sei. Und als seien Werte eine Frage der „Lockerheit“. Das finde ich eine staunenswerte Einstellung.

Was ich damit sagen will ist, dass die Selbstdarstellung einer Erwachsenen das eine ist. Dass Chiara Ferragni aber durchaus ein Verhalten an den Tag legt, dass in einer Zeitung kritisiert werden darf. Auch polemisch.

Ein kleiner ungebetener Rat an meine Mit-Influencer und der ist sogar ganz kostenfrei, obwohl ich als PR-Beraterin sonst sowas in Rechnung stelle: Fragt, die Unternehmen, mit denen ihr als Influencer so erfolgreich zusammen arbeitet mal nach Tipps in Krisenkommunikation der Presse gegenüber.

Abgesehen davon, dass „bad news immer noch good news“ sind. So muss Chiara nicht ins Kissen weinen, weil nicht über sie berichtet wird. Denn das ist ja ihr Geschäft.

Was meint ihr: Ist Selbstoffenbarung das neue „Normal“ und einfach 21. Jahrhundert? Meerblaue Grüße

 

-Sabina

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  1. Ich fürchte, so mancher Blogger hat das mit der Funktion einer Zeitung und dem kritischen Journalismus nicht verstanden. Kritik wird in Bloggerkreisen, egal ob berechtigt oder nicht, sofort und automatisch mit Neid und Missgunst gleichgesetzt. Vermutlich ist also die FAZ-Redakteurin einfach nur neidisch auf Frau Ferragni und muss deshalb so böse Dinge schreiben. Denn irgendwohin muss die negative Energie dieser bösen Redakteurin ja fließen. Sie hat scheinbar einfach zu viel davon *grins*. Bloggerlogik eben.

    Dass Kritik sogar berechtigt sein kann, passt nichts ins Konzept der Selbstvermarkter. Kritik setzen sie gleich mit "haten". Ich bin Journalistin. Und blogge. Und genau dieses Phänomen, dass mir ständig Neid unterstellt wird, wenn ich irgendetwas kritisiere, hat mich jahrelang geärgert. Inzwischen denke ich mir nur noch: "Aha. Getroffene Hunde bellen eben".

    Kinder – vor allem die, die sich nicht wehren können oder so klein sind, dass sie die Auswirkungen nicht verstehen – zu Instagram-Accessoires zu machen finde ich persönlich unterirdisch. Blogger fordern ständig Respekt ein. Wäre doch schön, wenn sie den auch gegenüber ihrem Nachwuchs zeigen.
    Liebe Grüße
    Fran

    1. Habe inzwischen sowohl den FAZ-Artikel als auch die Blogger-Tirade gelesen. Und habe beim 14. Mal "die böse Redakteurin ist ja neidisch" aufgehört zu lesen. Diese Neidkeule ödet mich so sehr an, das glaubste nicht.

    2. Steck ja gerade mitten im Projekt und kann erst später ausführlich allen antworten.

      Nur damit du weisst: ich glaub dir das unbesehen. Influencer bashing ist auch übertrieben.

      Aber, wenn nicht klar ist, dass eine kritische Presse zum Wesen unseres Zusammenlebens gehört, dann gute Nacht Marie.

      Je mehr Leute bloggen und auch Produkte bewerben, desto wichtiger ist, dass die Presse ihnen/uns auf die Finger schaut…

      Aber, wem sag ich das 🙂
      LG

  2. Ich machs mal ganz kurz … Das größte Lob für die Anerkennung Deiner Arbeit ist Neid . Und wenn Du anschließend dann auch noch kopiert wirst, hast Du wirklich alles richtig gemacht …;)) Mehr geht nicht .
    Das ist jetzt kein Geschwafel …. einfach nur gelebte Erfahrung 😉
    Wünsche Dir einen schönen Tag
    LG heidi

    1. Deinen Kommentar klebe ich mir an den Spiegel liebe Heidi. Ehrlich jetzt, denn genau das musste ich mir letzte Woch gerade wieder sagen 🙂

      Danke für deinen Besuch, es war mir wieder eine Freude und Frohe Ostern. LG Sabina

  3. Soll die Bloggerin machen, was sie will. Sobald Kinder ins Spiel kommen, hört bei mir der Spaß auf. Ich kann mir vorstellen, dass es in einigen Jahren Klagen von Kindern hageln wird, deren Eltern sie öffentlich "vermarktet" haben.

    Liebe Grüße Sabine

    1. Was ist ein natürlicher Teil des Lebens und wann wird es exzessiv? Außerdem halte ich es für angebracht neue Entwicklungen zu diskutieren und auszuhandeln. Ich mag Privatsphäre halt nicht einfach so über Bord werfen …:)

      Frohe Ostern und LG Sabina

  4. Ich finde die Selbstvermarktung von Chiara genauso blöde, wie den Artikel in FAZ. Und der Artikel von Zukkermädchen ist unter aller Kanone.
    Ansonsten ist das genauso wichtig, wie das derzeitige Liebesleben von Heidi Klum.
    LG
    Sabienes

  5. Ich muss sagen, ich habe den Artikel tatsächlich auch gelesen. Ich fand ihn auch zu hart, zu angreifend. Aber ich mags ja gern Ponyhof, du kennst mich. Ansonsten würde ich jedem gern selber überlassen wie er sein Leben so leben möchte. Ob der kleine Leo es später gut oder schlecht findet schon als Baby eine Stilikone gewesen zu sein? Das weiß ich leider nicht.
    Liebe Grüße Ela

    1. Ja, das sehe ich auch so. Aber es geht ja um eine Person des öffentlichen Lebens, die sich extrem öffentlich selbst vermarktet und das ökonomisch ausnutzt.

      Danke für deinen lesenswerten Beitrag wie immer und Frohe Ostern liebe Ela. Sabina

  6. Liebe Sabina, erst einmal ein riesen Kompliment für Deinen grandiosen BlogPost. Ich liebe es, dass Du Dich immer so deutlich positionierst und niemals schwammig bleibst. Großartig wie immer! Darüber hinaus kann ich jedes Wort von Dir bestätigen. Für mich gibt es, auch als Bloggerin, eine klare Grenze zwischen öffentlich und privat. Und Kinderfotos gehören nieeeemals ins Internet. Das scheinen aber wirklich viele nicht auf dem Schirm zu haben.

    Allerbeste Grüße
    Deine Gabriele

    1. Tja, das ist ja angeblich der Zeitgeist liebe Gabriele. Da sind wir dann so frei. Vor allem mit den Rechten Schutzbefohlener.

      Aber was mich inzwischen an der Diskussion am allermeisten stört ist der Mangel an Medienkenntnis bei manchen. Danke für das Lob und Frohe Ostern für dich. LG Sabina

  7. Im kleinen Bloggerleben werden manche kritisierende Worte an einem Outfit (!) oft nicht veröffentlicht, was ich absolut nicht verstehe, weil es wohl auch schon als Neid gilt. Da ist es natürlich um so "verständlicher", dass solch ein Beitrag wie in der FAZ große Wellen schlägt. Ich habe ihn nicht gelesen, mich nervt sowas nur.
    Kinder vermarkten finde ich furchtbar, aber wenn eine Blogger-Mutti sich mal auf 2-3 Bildern mit ihrem Kind zeigt, ist das ok.
    Früher bestellten die Stars Journalisten, damit sie Fotos machen und in die Zeitung kommen, jetzt knipsen sich die Stars selber für ihren Instagram-Account. So ist der Wandel der Zeit. Und Journalisten sehen wohl auch ihre Felle weg schwimmen, ansonsten würden sie doch nicht immer auf den Bloggern rum hacken.

    Liebe Grüße,
    Moppi

    1. So wie du denke ich im Wesentlichen auch. Ob Journalisten ihre Felle davonschwimmen sehe, das glaube ich jetzt weniger. Eher angenervt von den Amateuren, die dauerbegeistert und unkritisch durch die Lande ziehen, alles und jedes bewerben…aber das ist eine andere Sache.

      Das mit den Outfits ist mir auch aufgefallen.

      Hab schöne Ostern und LG zu dir Sabina

  8. Schau, ich habe mal wieder nichts mitbekommen. Aber das macht auch nichts 🙂 Die Nabelschau der Kinder im Netz finde ich nicht schön, weiß ich doch zu genau, dass Bilder gerne mal für andere Zwecke herangezogen werden. Da mag ich gar nicht weiter denken.
    Neid-Debatten öden mich inzwischen an, da schalte ich ab, aber das ist meine persönliche Sicht der Dinge.
    Liebe Grüße
    Andrea

  9. Mein Eindruck: Print muss schon in die unterste böse Schublade greifen und mit großen Namen um sich werfen, für etwas Aufmerksamkeit bei der jungen Zielgruppe. Auch miese Presse ist schließlich gut für's maue Geschäft. Kritischer Journalismus ist das für mich nicht. Da gehört schon etwas mehr Hirn zu. Hinter der FAZ mögen kluge Köpfe stecken, diese Schreiberin kommt mir nicht so vor. Ihr Thema mag mit Kalkül gewählt sein, was sie schreibt sind viele Vermutungen und etwas Gekratzte an der Oberfläche, Verallgemeinerung und reichlich Boshaftigkeit. Neid kann ich nicht erkennen. Worauf sollte die denn neidisch sein? Die versteht doch nicht mal, was wir machen und warum.

    Zu dieser Kinderdiskussion: ich sehe bei Instagram täglich Mütter und Väter (prominent oder von nebenan) die voller Stolz den Nachwuchs jeden Alters zeigen. Das muss jeder selber wissen, ich urteile darüber nicht. Meine Eltern haben Fotos von uns Kindern gemacht und in Fotoalben geklebt. Das ist aber fast 50 Jahre her und nicht mehr zeitgemäß. Heute macht am es eben so. Jeder, wie er will.

    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag zum Thema. Ich lese interessiert die verschiedenen Ansichten hier. Weil das ja zu einer Diskussion gehört.

      Nee, ich finde nicht, dass das jeder selbst wissen muss.

      Und ist ja nicht so, dass die Bloggerin nichts von der Aufmerksamkeit hätte. Dank des Mediums.

      Was wäre Satire ohne Spottlust und Boshaftigkeit?